Nett ist die kleine Schwester von Scheiße

Ambivalenz ist das, was mein Leben mit am besten beschreibt. Auf der einen Seite kann ich ein wahnsinnig lustiger und amüsanter Mensch für andere sein. Ich spiele gerne den Clown, Selbstironie ist mein zweiter Vorname. Auf der anderen Seite bin ich manchmal so tottraurig, dass ich mich frage, was wohl die am wenigsten schmerzhafte Art zu sterben sein könnte und wem ich meine ganzen Dinge vermache. Den wertlosen Krimskrams in meinem Zimmer, der mir aber sehr viel bedeutet. Ich würde wollen, dass jeder der Gegenstände an eine bestimmte Person geht. Natürlich würde ich ihr auch etwas dazu schreiben, warum gerade an dich und warum diese Sache.

Empathie habe ich. Manchmal meine ich sogar zu wissen, dass der liebe Gott, als er mich angelegt hat im Bauch meiner Mutter, sich gedacht haben muss: “Heute mache ich mal einen kleinen Wurm mit ganz viel Verständnis und der Fähigkeit ganz viel für andere tun zu können.“ An sich ja erst einmal nichts negatives. Ich werde gerne von anderen als sympathisch beschrieben, als jemand mit einem offenen Ohr für Alles und Jeden. Als lustig und fröhlich und in meinem Job als serviceorientiert (Manch einer wird sich jetzt vielleicht schon denken, kein Wunder, dass die Alte einen Knacks hat. Bei so viel Gedanken würde ich auch durchdrehen.).

Das Problem beginnt erst dort, wo man es nicht mehr schafft sich den Schuh nicht anzuziehen, nicht immer Verständnis für jede noch so kleine Befindlichkeit zu haben oder aber auch die Unzulänglichkeiten des Lebens mit noch mehr Empathie wett machen zu wollen.

Stell dir vor, du gehst morgens zum Bäcker, hast gute Laune, freust dich auf ein leckeres Frühstück. Die Dame hinter dem Tresen scheint das genaue Gegenteil zu sein. Mit einem mürrischen „Bidde?!“ fordert sie dich dazu auf ihr mitzuteilen, was du gerne käuflich erwerben würdest. Nun gut, man gibt das persönliche Bedürfnis klar aus, es scheint jedoch eher ein Umstand für die Dame zu sein sich diesem Wunsch zu beugen. Mit einem genuschelten „sonsdnochwas?“ wird man nahezu heraus gefordert sie an das andere Ende des Tresens zu schicken, weil man ja plötzlich einen solchen Appetit auf die dort hinten befindlichen Schokocroissants in sich aufkeimen spürt.

Ich hingegen gebe mich mit dem zufrieden, was sie mir bereits in die Tüte gepackt hat. Die arme Frau hat sicher einen schlechten Tag und nach dem Bezahlen wünsche ich ihr mit säuselnder Stimme „alles Gute für Sie und einen schönen Tag“.

Advertisements

Die Liebe

Gestern habe ich den ganzen Tag verschlafen. Dummerweise habe ich am Anfang der Woche vergessen mir ein Rezept für meine „Gutenmorgenwachmacherpillen“ zu besorgen. Vergessen ist hier allerdings auch der falsche Ausdruck. Ich hatte einfach wie so oft keine Lust. Um nicht zu verhungern, da neben dem Plätzchenteig nur Essen meines WG Partners im Kühlschrank ist, habe ich mir Essen beim Thailänder meines Vertrauens bestellt. Der nette Fahrer bringt das Essen sogar bis in den dritten Stock meines Altbau-Wohnhauses. Es besteht demnach keinerlei Notwendigkeit auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen. Nicht einmal anrufen musste ich, da man ja mittlerweile fast alles online bestellen kann, auch das Abendessen.

Heute geht es mir schon etwas besser, da hat es zum YouTube Videos gucken gereicht und sogar die Waschmaschine habe ich angestellt. Trotzdem fühle ich mich ziemlich unglücklich. Ich bin Single, in drei Monaten werde ich 30, studiere noch, habe keinen festen Job und hangel mich von einer befristeten Anstellung zur nächsten. Was ich will, weiß ich nicht seit ich 14 bin. Außer es geht um Männer, dann möchte ich doch bitteschön am Besten immer die, die mich auf gar keinen Fall wollen. Als Affäre vielleicht oder aber beste Freundin, ja das gerne. Aber mit mir eine echte Beziehung eingehen wollte bisher keiner. Das gehört wohl zu meinem Karma dazu. Es gibt da ja diese abstruse Theorie, dass Frauen sich ihren gewünschten Partner nach dem Vorbild ihres Vaters aussuchen. Bei mir ist das nicht so. Ich möchte wirklich nur die, die mich unter gar keinen Umständen an ihrer Seite sehen können. Meine letzte „Beziehung“ dauerte sieben Jahre und war eher das, was die Kennerin von Groschenromanen als verstörend bezeichnen würde.

Kennen gelernt haben wir uns während einer Produktion für den Fernsehsender, bei dem ich seit einigen Jahren neben dem Studium arbeite. Zehn Jahre älter war der gute Kerl und für mich mit meinen 21 Jahren schwer beeindruckend. Wenn ich heute daran zurück denke, muss ich ihn ganz schön angehimmelt haben. Das fühlt sich sicher gut an als Mann. Besonders, wenn der Haarausfall bereits eingesetzt hat. Äußerlichkeiten sind mir aber eher so semi wichtig. Es gibt da dieses neue Wort „sapiosexuell“, was auf mich glaube ich sehr gut zutrifft. Wenn man sich gut unterhalten kann, gemeinsam lacht und über Peniswitze schmunzelt, sich anguckt und offenbar den Gedankengang des anderen teilt, bin ich schon verliebt. Das geht also relativ schnell bei mir. Noch schneller, wenn das männliche Gegenüber blaue Augen hat.

Wir haben über Brustgrößen diskutiert, besser gesagt Titten nach einer Skala von 1 bis 10 bewertet. Menschen beobachtet. Vorzugsweise in Cafés und darüber gerätselt wie ihre Leben wohl aussehen. Aber genauso gut über aktuelle politische Themen gesprochen, nur um mal die Bandbreite des Ganzen darzulegen. Allerdings bin ich seit dieser Zeit auch der festen Überzeugung, dass Sex viel kaputt machen kann. Gerade was so Dominanzspielchen anbelangt. Irgendwann war ich psychisch derart abhängig von ihm, dass jeder Tag ohne ihn ein verlorener Tag war. Hinzu kam das Problem, dass ich nie die Frau an seiner Seite war. Es gab noch andere. Mit einer hatte er mal eine Beziehung, übrigens das komplette Gegenteil von mir, alleinerziehende Mutter, Ü40. Mit anderen traf er sich nur zu Sexdates. Ich war irgendwas zwischen bester Freundin, Sexgespielin und kleiner Schwester. War klar, dass das scheiße enden würde, aber man rennt ja gerne in das eigene Unglück. Was Männer angeht bin ich seit dieser Erfahrung jedenfalls vorsichtig geworden. Was bedeutet, dass ich sie möglichst gar nicht mehr in mein Leben hinein lasse, auch wenn eine Beziehung und ein Partner an meiner Seite eigentlich mein sehnlichster Wunsch wären.

Ich bin nicht meine Depression.

Seit Monaten nehme ich mir vor ein Buch zu schreiben. Eigentlich schon seit dem letzten Aufenthalt in der Psychiatrie, dummerweise kommt mir immer wieder meine in regelmäßigen Abständen auftretende Lethargie und Lustlosigkeit in die Quere. Sie ist eins meiner, wie ich sie liebevoll nenne, Monster, die mich durch mein Leben begleiten. Mit Anfang zwanzig hatte ich noch die Hoffnung, dass ich sie irgendwann wieder los werde, doch dummerweise stellt sich mit dem Alter, mittlerweile kurz vor der 30, heraus, dass dies wohl ein Trugschluss war.

Inzwischen hat sich bei mir eine gewisse Akzeptanz der Koexistenz eingestellt. Hat aber lange gedauert. In Therapiesprache gesprochen: Verhaltenstherapie, Klinikaufenthalt, ambulante Tagesklinik, ambulante psychiatrische Versorgung, Psychiatrie, Studienteilnahme zu Borderlinestörungen, etc.

Angefangen haben diese Schübe eigentlich schon in der Pubertät. Damals war ich eine pummelige und pickelige Schülerin, die sich hauptsächlich mit Musik oder Politik und weniger mit Hausaufgaben beschäftigt hat. Ja, pubertär sind sie eben anstrengend, aber das verwächst sich schon wieder. Schön auch, dass mich einige meiner Lehrerinnen und Lehrer offenbar für einen ziemlich hoffnungslosen Fall hielten. Faul und dumm. Erleichternd war für mich nach dem Abitur, für das ich, anders als normale Menschen, statt dreizehn Jahren, ganze fünfzehn brauchte, die Diagnose ADHS. Aber hey! Ich habe es geschafft. Und das sogar mit einem Schnitt von 2,5, trotz meines Totalversagens in Mathematik.

ADHS also. Mit 23 bekam ich die Diagnose, die in der Presse und auch meinem eigenen Studienfach schwer umstritten ist. Aber trotzdem war es erstmal eine Erleichterung. Es gibt einen Grund dafür, warum ich bin wie ich bin. Warum meine Gedanken sehr gerne um viele Dinge kreisen, allerdings nicht um die, die eigentlich im Vordergrund stehen sollten. Warum ich solche Angst habe zu versagen, dass ich lieber gar nicht erst in die Uni gehe. Kann ich ja auch nichts falsch machen.

Aber die eigentliche Krankheit, die mich begleitet, ist nicht die Aufmerksamkeitsstörung. Es sind die mal mehr, mal weniger schlimmen depressiven Phasen, die mich wirklich ständig verfolgen.

Ich muss das in den Griff kriegen!

Verunsicherung

Manchmal fällt es schwer in unsicheren Zeiten nach vorne zu schauen. Mich beschäftigen derzeit viele Dinge… Zum Einen ist meine eigene Zukunft ungewiss. Woran ich natürlich hauptsächlich selbst schuld bin, das ist mir klar. Ich habe mein Studium oft viel zu sehr vernachlässigt, zu viel gearbeitet und all meine Kraft in meinen Job investiert. Das ist aus mehreren Gründen so gelaufen. Ich arbeite sehr gerne bei meinem Arbeitgeber, es ist mein zweites Heim. Außerdem bin ich auf das Geld angewiesen, da ich kein Bafög bekomme und mich komplett selbst finanzieren muss. So entsteht die Angst und der selbst gemachte Druck sich immer bestmöglich einzubringen, bloß alles richtig und ja keine Fehler zu machen, gar Angriffsfläche zu bieten, um den geliebten und benötigten Job nicht zu verlieren. Das macht abhängig und man bleibt öfter mal länger. Die Uni hat darunter viel zu lange gelitten. Das möchte ich zukünftig ändern, aber wie weiß ich natürlich noch nicht. Mein Vertrag endet demnächst und nach mehr als zehn Jahren werde ich mir wohl etwas anderes suchen müssen. Das verunsichert mich sehr und Bewerbungen schreiben und mich dabei selbst verkaufen, ist nun so gar nicht mein Ding. Es als Chance zu sehen wie meine Mutter gerne sagt, fällt mir äußerst schwer, weil die Angst zu versagen, sowohl im Studium als auch in meiner Aufgabe meinen Lebensunterhalt eigenständig zu bestreiten,  alles überlagert.

Hinzu kommt die derzeitige Weltsituation. Da ist ein C Promi, der in einer Reality Show Bekanntheitsgrad errungen hat, Frauen verachtet und Menschen anderer Hautfarbe mit Vorurteilen und Hass begegnet. Und dieser Mann ist nun also der mächtigste Mann der Welt. Ein Mann, der von Ernie aus der Sesamstraße mit seinem Selbstbräuner gefärbten Teint nicht sonderlich weit entfernt ist und seine Hände auf Bildern größer machen lässt (Thank god, dass es Photoshop gibt!). So schafft man also alternative facts.

Außerdem beschäftigt mich eine Begegnung, die ich in dieser Woche mit mehreren syrischen Flüchtlingen hatte. Einer von ihnen erzählte mir, dass seine Frau und er aus einem kleinen Dorf im Norden Syriens über die Türkei und Griechenland weiter zu Fuß über die Balkanroute hier her geflohen seien. Sie erwarteten ein Baby, das sie allerdings auf dem Weg während eines Bombenangriffs noch an der syrisch-türkischen Grenze verloren hätten. Nun seien sie froh hier in Deutschland angekommen zu sein und sich in Sicherheit zu befinden. Sie hätten schließlich sich. Das sei das Wichtigste. Und hoffentlich würden sie bald die Möglichkeit haben es noch einmal mit einem Kind zu versuchen. Sie seien sehr dankbar für alles, was sie hier bekämen (später erzählte er, dass sie mit zehn weiteren Leuten in einem Container wohnen, getrennt durch Pinnwände, die wir in der Uni gerne in Seminaren nutzen). Ich habe ihn nach der Flucht gefragt und wo der Rest seiner Familie sei. Er antwortete mir, dass er das nicht wisse. Es gäbe derzeit keine Möglichkeit Kontakt mit seinen Eltern und Geschwistern aufzunehmen, da sie in Syrien zurück geblieben seien. Über die Flucht hat er mir viele sehr erschreckende Dinge erzählt.

Dann ist da der heutige Holocaust Gedenktag, der mich dazu veranlasst hat auf den jüdischen Friedhof meiner Stadt zu gehen und ein paar weiße Rosen niederzulegen und eine Kerze vorbei zu bringen. Es mag komisch klingen, aber ich habe es für nötig gehalten. Wenn ich Leute von der Afd höre, empfinde ich Scham und große Ernüchterung, dass solche Worte wie „Denkmal der Schande“ derzeit offenbar wieder „geduldet“ sind. Ich finde diesen Tag einen unerträglich traurigen Tag und fand es sehr beeindruckend zu hören, dass Björn Höcke heute in der KZ Gedenkstätte Buchenwald Hausverbot erteilt wurde. Ich frage mich was ein solcher Populist überhaupt dort möchte. Es ist reine Provokation und ich hoffe inständig, dass sich meine Befürchtungen nicht bestätigen und wir keinen Rechtsruck erleben werden. Der Gedanke macht mir unheimliche Angst.

Gorbatschow sagte am heutigen Tage, dass die Welt sich offenbar auf einen neuen Krieg vorbereite. Es werden also wieder Mauern gebaut. Folter scheint auch eine Option zu sein.

Dagegen werden meine Probleme natürlich winzig. Gar lächerlich. Das treibt mich gerne in eine Gedankenspirale von Erniedrigung meiner Selbst. Wie wenig ich wert bin und dass ich mal wieder auf dem Boden der Tatsachen ankommen muss. Dass ich alles relativieren sollte… und weniger an mich denken müsste. Eine meiner größten Ängste ist es von anderen als egoistisch und ich-bezogen gesehen zu werden.

Ich hoffe in den nächsten Tagen wird mein „Weltschmerz“ und der Kummer über die Unsicherheit der eigenen Zukunft erträglicher und abnehmen. Ich gebe mein Bestes, um wieder halbwegs klar denken zu können. Wir werden sehen, ob mir das gelingt…

Neustart

Jedes Mal, wenn ich eins der ganz schlimmen Tiefs hatte, fühlt sich der Tag danach wie eingepackt in Watte an. Weich. Dumpf. Aber trotzdem warm. Leicht vernebelt, aber ganz präsent zugleich.

Nachdem mal wieder etwas nicht so lief, wie ich es mir zuvor fest erhofft hatte, zog ich mich gestern Abend ganz unter meine flauschige Daunendecke zurück. Sie kann Refugium, Höhle, aber auch Gefängnis zugleich sein. Es trieb mir vor lauter Zweifeln und Verunsicherung so sehr die Tränen in die Augen, dass ich heute mit meinen Augenlidern locker mit Gina Lisas Schlauchbootlippen hätte mit halten können.

Es braucht eigentlich nur einen kleinen Anlass. Ein mich verunsicherndes Gespräch, einen Fehler, den ich unachtsam begehe, ein zufällige Begegnung mit einem Menschen aus der Vergangenheit. Schon stürzt mein kleines Kartenhaus in sich zusammen. Doch Weinen kann auch sehr heilend sein. Einmal richtig los gelassen, kann es passieren, dass ich mich am folgenden Tag viel leichter und nicht mehr so unter Strom fühle. Es dauert allerdings Wochen, bis der Vulkan so sehr innerlich brodelt, dass er droht auszubrechen. Wenn er es tut, ist es für mich und alle Menschen in meiner Umgebung meist sehr ernüchternd, frustrierend und schwer auszuhalten.

Das Weinen hat körperliche Folgen, die bei mir für andere leider nicht zu übersehen sind. Der Tag danach will gut geplant sein, damit man es morgens, bevor einen andere Menschen zu Gesicht bekommen könnten, noch schafft Concealer auf die verquollenen Lider aufzutupfen. Die Lunge und der ganze Brustkorb fühlen sich frei an und nicht mehr so schwer. Ich fühle mich fast wie gereinigt. Einmal ist alles raus…

Und dann ist da noch dieses Gefühl. Dass man noch lebt und sich spürt. Dass man es schaffen kann. Dass man die Arschbacken zusammen kneifen muss und dass jeder Mensch Hoffnung haben sollte, weil es immer ein Morgen und einen neuen Tag gibt, den man nutzen kann sein eigenes Glück zu finden.

Monster? Welche Monster?

Eigentlich ganz simpel zu erklären. Die Monster von denen ich hier zukünftig schreiben möchte, sind Monster, die wir alle kennen. Sie heißen Angst. Oder aber Selbstzweifel. Verunsicherung. Trauer. Oder Mutlosigkeit.

Einige dieser Gefühle trage ich nun bereits seit einigen Jahren mit mir herum und trotz vielfach ausprobierter Therapie und den unterschiedlichsten Versuchen sie los zu werden, bleiben sie weiterhin treu an meiner Seite. Also habe ich einen neuen Weg versucht: ich akzeptiere sie, ich versuche sogar sie ins Herz zu schließen und lieb zu gewinnen. Denn sie gehören zu mir und ich wäre nicht ich ohne sie.

Was mir für Geschichten mit ihnen begegnen, wie ich meinen Alltag trotz oder gerade mit ihnen meistere, das möchte ich hier mit anderen Menschen, die auch mit ihren kleinen Dämonen, Monsterchen und depressiven Phasen zu kämpfen haben, teilen.